Irren ist menschlich – die kurze Geschichte eines Generationswechsels

»Das Buch ist eine Zäsur, es wird in seinem Bereich Epoche machen«, schreibt Gerhard Mauz 1979 im Spiegel, wenige Monate nach Erscheinen der ersten Auflage von Irren ist menschlich im Jahre 1978. Und die FAZ prognostiziert: »Wer im deutschen Sprachraum mit abweichendem Verhalten Einzelner oder sozialer Gruppen befasst ist, wird der Auseinandersetzung mit dem Buch von Dörner und Plog nicht ausweichen können.« Beide sollten recht behalten. Irren ist menschlich wäre ohne Psychiatrie Enquete, deren 40sten Jahrestag wir 2015 feierten, wohl nie erschienen. Irren ist menschlich hat der Psychiatrie-Reform ihr praktisches und theoretisches Gerüst gegeben und damit wie kein anders Buch die moderne psychiatrische Versorgung in Deutschland geprägt – genauer gesagt: die Menschen, die psychiatrisch arbeiten, aber auch die Lage und das Selbstbewusstsein derjenigen, die in irgendeiner Weise von psychischen Störungen betroffen sind.

Ursula Plog und Klaus Dörner haben bis 2002 drei grundlegende Überarbeitungen vorgenommen, in denen sie die jeweiligen gesellschaftlichen, fachlichen und philosophischen Entwicklungen für die Weiterentwicklung von Theorie und Praxis der Sozialpsychiatrie aufgriffen: Anthropologie als philosophische Basis prägte die erste Ausgabe, in den 1980ern erweiterte das ökologische Denken im Sinne der Berücksichtigung der Umweltbedingungen im weitesten Sinne die Grundhaltung der Autoren, und zur Jahrtausendwende fand die erstarkte organisierte Selbsthilfebewegung der Betroffenen und ihrer Angehörigen ihre angemessene Berücksichtigung. Bedeutenden Einfluss auf die letzte Bearbeitung unter Beteiligung von Ursula Plog, die 2002 viel zu früh verstarb, hatten auch die sozialen und politischen Veränderungen der Gesellschaft in Folge des Wandels zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft.

Bei dieser letzten grundlegenden Bearbeitung wurde das Autorenteam Dörner/Plog bereits um Christine Teller und Frank Wendt erweitert, da die „Altautoren“ aus dem aktiven Dienst ausschieden und psychiatrische Praxis ohne Praxis zum Papiertiger wird. Weitere zehn Jahre später standen wir, die AutorInnen und der Verlag, vor der entscheidenden Frage: wie weiter? Machen wir Irren ist menschlich endgültig zum Kultbuch, das irgendwann nur noch historische Bedeutung haben würde? Oder erhalten wir die diesem Ausnahmelehrbuch innewohnende Kraft, nicht nur Wissen, sondern Kraft und Haltung für schwierige, faszinierende Berufs- und Lebenslagen zu vermitteln für heutige und zukünftige Generationen?

Bücher verlegen heißt: gestalten. Verantwortung übernehmen. Etwas, vieles wagen…
Dörner und Plog waren und sind Persönlichkeiten, wie es sie so nicht noch einmal geben kann. Sie entwickelten die Grundidee zu Irren ist menschlich in einer historisch einmaligen, besonderen Situation einer internationalen Reformbewegung. Sie schrieben ein Buch, das nicht nur wegen seiner immensen Relevanz, sondern auch wegen seiner Empathie, seiner Sprache, seiner Widerständigkeit seinesgleichen unter Lehrbüchern nicht finden wird. – Nun haben sich die Psychiatrie und die psychiatrische Versorgungslandschaft in den letzten 40 Jahren grundlegend gewandelt, ebenso die Menschen, die hier leben und arbeiten. Würde es gelingen, Autorinnen und Autoren zu finden, die all das erhalten, was Irren ist menschlich ausmacht und gerade deswegen nicht bei einer schlichten „Modernisierung“ stehen bleiben? Sondern – wie vor 40 Jahren – die gesellschaftliche und fachliche Verfassung zum Ausgangspunkt ihres Denkens machen und fragen: die Psychiatrie muss dem Menschen dienen, nicht sich oder einem System: Was folgt daraus für unser Fach und unsere Arbeit?

Ja, wir haben sie gefunden. Es war viel leichter, als wir gedacht haben. Denn Irren ist menschlich hat eben ganze Arbeit geleistet: Wer heute psychiatrisch arbeitet und über den Tellerrand seines eigenen Tuns hinausblickt, wurde in irgendeiner Weise von diesem Buch geprägt. So sagten ausnahmslos alle, die wir fragten, fast ohne zu zögern zu. Und wir fragten eben nicht nur die, die sich sowieso im engeren Umfeld des Verlages aufhielten. Wir wollten wie damals über die Grenzen gehen, um ein Lehrbuch zu schaffen, dass Begrenztheiten überwinden hilft. Und dabei mitten in der Realität steht. Wir fragten:

  • Prof. Dr. phil. Thomas Bock, Leiter der Psychosenambulanz und der Krisentagesklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.
  • Prof. Dr. med. Peter Brieger, ab November 2016 ärztlicher Direktor des Bezirksklinikums Haar in München.
  • Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum der Charité, Berlin.
  • Dr. Frank Wendt, Dozent und in eigener Praxis tätig. An »Irren ist menschlich« bereits seit der Bearbeitung von 2002 beteiligt.

Und vor allem und allen anderen fragten wir Klaus Dörner. Es ist sein Buch, er musste entscheiden, ob er das Wagnis mitträgt, er musste loslassen oder besser weitergeben können. Nicht nur für sich, auch für Ursula Plog, deren Erbe er immer wieder in die Diskussion gebracht hat. Er hat sich dafür entschieden, wie immer ganz undramatisch, aber sicher sehr wohl wissend, wie schwer es werden kann und manchmal auch wurde, das eigene Erbe zusammen mit den Erben auf eine neue Stufe zu heben.

Ein Lehrbuch muss den Differenzierungen des Faches Psychiatrie Rechnung tragen. Die wachsende Vielfalt kann durch fünf Menschen nicht mit der notwendigen Einheit von Praxis und Theorie abgebildet werden. So kamen zu den fünf Herausgebern weitere 18 Autorinnen und Autoren. Keine Spezialisten im klassischen Sinne, sondern solche, die ihre spezifischen Arbeitsfelder im Kontext der sozialen Lebenssituation der Menschen sehen. Fachleute, in einem Kapitel auch Angehörige und Betroffene, die in Zusammenhängen denken, sozialpsychiatrisch im besten und eigentlichen Sinne. Auch diese Autorinnen und Autoren fanden wir schnell, manche kannten wir vorher nicht einmal, aber sie alle hatten ganz offensichtlich „ihr“ Irren ist menschlich im Gepäck: Wie oft saßen wir in den vierteljährig stattfindenden Redaktionskonferenzen zusammen mit den Autorinnen, um deren Kapitel es gerade ging: gespannt und ein bisschen ängstlich, wie ihre Arbeit aufgenommen werden würde – vor allem, wie Klaus Dörner sie aufnehmen würde! Und wie oft hörten wir das erlösende „großartig“, „ganz ausgezeichnet“, „erstaunlich“. Was natürlich niemanden davon abhielt, anschließend grundlegend und bis in die Details zu streiten. Dank dieser Diskussion ist es gelungen, ein Buch aus einem Guss zu machen, obwohl 23 Menschen beteiligt waren

Der letzte Absatz dieser kleinen Bearbeitungsgeschichte ist ein schlichter, großer Dank. Den Autorinnen und Autoren, die trotz ihrer auch sonst schon erheblichen Belastungen über drei Jahre hinweg viele Wochen und Tage an diesem Buch gearbeitet, geschrieben, umgeschrieben, weitergeschrieben haben. Den Herausgebern, die es schafften, ihre unterschiedlichen Erfahrungen, Sichten und Persönlichkeiten zu einem organischen Ganzen zusammenzubringen. Und zu allererst und deshalb zum Schluss an Klaus Dörner, der etwas möglich gemacht hat, was es meines Wissens in der Geschichte psychiatrischer Lehrbücher so bisher nicht gegeben hat: einen wirklichen Generationswechsel. Damit hat er für sein Hauptwerk das zugelassen, was immer Prinzip seines Denkens war: auf einer kompromisslos humanistischen Grundlage das In-Frage-Stellen aller Gewissheiten, auch der eigenen. Denn: Irren ist menschlich.